Author Archive for Sander

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Melt! 2010: Du hast da Glitzer am Auge … (Teil 3)

Zurück in der guten alten bajuwarischen Heimat erholen wir uns gerade von den Strapazen des diesjährigen Melt!-Festivals. Was uns so geschlaucht hat? Lest selbst in unserem dreiteiligen Erlebnisbericht – der erste seit der dritten Klasse!

Absolut familientauglich hingegen Goldfrapp. Sängerin Alison strahlt wie eine Mensch gewordene Discokugel – noch heller als der kollektive Gesichtsglitter der ersten Reihen vor der Bühne. Mit ihrem harmlosen Elektroschlager bleibt sie entgegen den Gepflogenheiten des Schunkel-Biz merkwürdig distanziert zur Fanschar. Es darf gemunkelt werden: Hatte Madame am frühen Morgen möglicherweise bereits einen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten und ist davon noch etwas schlapp?

Jegliches Gespür für ein angenehmes Maß menschlicher Distanz (etwa 20 bis 30 Zentimeter) lässt hingegen Damian Abraham missen. Die Front-Maschine der Toronto-Hardcore-Combo Fucked Up verweist auf die Sinnlosigkeit einer Bühne und wandert während des gesamten Gigs quer durch die Audienz – von links nach rechts, von vorne nach hinten. Niemand im Intro-Zelt entrinnt den Annäherungsversuchen des behaarten Riesen und stellt nach einer kurzen Schrecksekunde erleichtert fest: Der will doch nur spielen! Tatsächlich wirkt Abraham bei näherer Betrachtung grundsympathisch, was zu spontanen Umarmungsszenen und gemeinsamem Posieren für Erinnerungsfotos führt. Wahrlich eine große Show.

Die beherrscht auch Fake Blood, der sich als Remixer einen Namen gemacht hat. Besonders zu empfehlen: Die peitschende Neuversion von Gossips Love Long Distance, die der Brite ausgerechnet für das Melt! nicht ins Plattenköfferchen gesteckt hat. Oder ihm fehlte schlichtweg die Zeit, die Scheibe auszupacken: Fake Bloods Set fiel eine gute halbe Stunde kürzer aus, als im Programm angegeben – was die tanzende Meute offensichtlich stark bedauerte. Dennoch: Es war ein gelungenes Melt!, ausverkauft und sonnenverwöhnt, friedlich und unterhaltsam. Nur unseren Pavillon haben wir schmerzlich vermisst.

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(Foto: Melt! / Phillip Bockhorn)

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Melt! 2010: Du hast da Glitzer am Auge … (Teil 2)

Zurück in der guten alten bajuwarischen Heimat erholen wir uns gerade von den Strapazen des diesjährigen Melt!-Festivals. Was uns so geschlaucht hat? Lest selbst in unserem dreiteiligen Erlebnisbericht – der erste seit der dritten Klasse! Heute mit Teil 2 …

Auf der Nebenbühne wandelt Kelé Okereke auf Solopfaden. Der Bloc-Party-Frontmann wirkt ohne seine Band wie befreit, lässt das progressiv-verkopfte Songwriting hinter sich. Stattdessen: Treibende Dance-Beats. Das feierwütige Publikum dankt es ihm mit beeindruckendem Ausdruckstanz.

Mehr als beeindruckend ist, was Dendemann abliefert. Der Hamburger Jung, einst bessere Hälfe des Hip-Hop-Duos Eins Zwo, schleudert aus der Öffnung zwischen Schnauzbart und Goldkette die aberwitzigsten Wortspiele im Sekundentakt. Man muss Hip Hop nicht mögen, um Dende zu lieben. Wer könnte dem charmanten Reimer mit Jeansweste und Vokuhila auch wiederstehen? Auf dem Melt! nur wenige. Sie verabschiedet der Norddeutsche mit einem weltmännischen „Au reservoir“.

Kaum haben sich die ersten vom Mode-Albtraum Dendemann halbwegs erholt, bricht neues Grauen ungeahnten Ausmaßes über sie herein. Chris Cunningham, Videokünstler und Visualisierer der Klänge aus dem Hause Aphex Twin, versteckt sich irgendwo auf der Bühne (vermutlich) und projiziert seine grimmigen Visionen auf drei Leinwände: atmende Körper in unberuhigender Finsternis, ein Embryo im Rollstuhl, allerlei wirrer wie faszinierender Kram. Das geht manchem Festival-Gast an die Substanz: Ein Mädchen bricht vor der Toilette in Tränen aus und beteuert „so etwas“ noch nie gesehen zu haben. Ähnliche Gesprächsfetzen auf dem Camping-Platz am Morgen danach: „Also ich steh’ ja auf kranke Scheiße, aber das war mir echt zu krass“ – „Stell dir vor, da wäre ein Kind im Publikum gewesen“. Eher unwahrscheinlich.

Teil 3 folgt …

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(Foto: Melt! / Philipp Böll)

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Melt! 2010: Du hast da Glitzer am Auge … (Teil 1)

Zurück in der guten alten bajuwarischen Heimat erholen wir uns gerade von den Strapazen des diesjährigen Melt!-Festivals. Was uns so geschlaucht hat? Lest selbst in unserem dreiteiligen Erlebnisbericht – der erste seit der dritten Klasse!

Melt! extrem: Bei tropischen Temperaturen und einer erbarmungslos stechenden Sonne hätte unser schicker Pavillon sicher einen prima Schattenspender abgegeben. Wenn ihn der Orkan, der im letzten Jahr über das Festival-Gelände tobte, nicht in 1000 Fetzen gerissen hätte. Schade darum, aber auch egal, denn: Was ein echter Melt!-Jünger ist, dem können schlappe 35 Grad nix anhaben.

Rote Lippen, güldene Äuglein, Glitzer an der Backe – den Errungenschaften der Kosmetik-Industrie kann selbst literweise Schweiß nicht zu Leibe rücken. Wer von derlei Schmuckwerk keinen Schimmer hat, sollte einen Blick ins kostenlose Festival-Heftchen werfen. Das verrät beispielsweise, dass Biker-Boots „in“ und New-Rave-Brillen „out“ sind. Beides haben wir nicht dabei, was die Chancen als „neutral“ durchzugehen erhöhen dürfte. Vielleicht ruiniert das 13 Jahre alte Black-Flag-Shirt aber auch alles.

Hurts indes sind modisch über jeglichen Zweifel erhaben. Die piekfeine Combo aus Manchester hat Knigge und Vogue studiert und erstrahlt mit makelloser Haut in perfekt sitzenden Anzügen. Nicht nur optisch denken wir an Heaven 17, jene Yuppie-Waver der Achziger, deren Ironie kein Mensch verstehen wollte/konnte. Nicht die schlechteste Referenz, zumal Hurts mit ihrem perfekten Elektropop inklusive klassischen Gesangselementen für Atmosphäre sorgen.

Schicker sind auch Tocotronic geworden, die die alten Adidas-Leibchen spätestens Ende der Neunziger gegen Hemden eingetauscht haben. Vergessen sind die alten Zeiten jedoch nicht. Dirk von Lowtzow verkündet von „Drüben auf dem Hügel“: „Let There Be Rock“. Überzeugend, spielfreudig, immer noch packend.

Teil 2 folgt …

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(Foto: Melt! / Tobias Vollmer)

Lieblinge

Lieblinge: Juni 2010

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Steckt noch Kraft in euren schlaffen Leibern? Flüssigkeit, die ihr auf dem Dancefloor verteilen könnt? Trotz hochsommerlicher Temperaturen? Wollen wir schwer hoffen, denn pünktlich zum Hitze-Inferno, das sich tagsüber prima in Boxershorts und bei Mondlicht im Lieblingsshirt aushalten lässt, präsentieren wir unsere Lieblinge des Monats Juni. Heißer Shit. Bei jeder Witterung – versteht sich.

Lieblinge des Monats Juni:

1. Kap Bambino Dead Lazers
2. Kele Tenderoni
3. Robyn Dancehall Queen
4. autoKratz Kick
5. The Dance Inc. Broke

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Aloe Blacc: I Need A Dollar (DJ Neil Beats Edit)

Aus tiefster Seele bettelt Aloe Blacc: I Need A Dollar. Das Thema dürfte sich damit auch schon erledigt haben. Nachdem der amerikanische Pay-TV-Sender HBO den coolen Soul-Smoothie zum Titelsong der Hip-Serie How To Make It In America befördert hat, dürfte Mr. Blacc nicht mehr über Geldmangel zu klagen haben. Der ein oder andere Buck wird diesen Sommer zusätzlich dazu kommen – spätestens wenn die Dauerrotation in den Radiostationen auf Hochtouren läuft. Lange wird es nicht mehr dauern … Inzwischen gibt’s den gediegenen Edit von DJ Neil.

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hypefaktor_hochHypefaktor: Charmanter Knabe mit Soul in Perfektion, dazu perfektes Marketing dank TV-Serie. Wird ein Hit!

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Kele: Tenderoni

Kele allein im Club: Während Bloc Party auf unbestimmte Zeit pausieren, tobt sich ihr Frontmann auf dem Dancefloor aus. Fans der Band müssen sich vermutlich erstmal an das elektronische Gerät gewöhnen, dass Okereke auf seinem ersten Soloalbum The Boxer auffährt. Insgesamt deutlich weniger verkopft und progressiv als die letzten BP-Songs, dafür straight nach vorne auf einer coolen Bassline. Das Schöne daran: Kele ist es offenbar völlig wurscht, ob er Kritiker oder Fans enttäuscht. So ist die erste Single Tenderoni durchaus als Befreiungsschlag zu verstehen.

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Kap Bambino: Dead Lazers

Schmalz in den Gehörgängen, Angst vor Wattestäbchen und keine Kohle für die Praxisgebühr? Hilfe naht: Kap Bambino durchblasen eure Wascheln mit fettestem Elektropunk. Neu ist das Rezept freilich nicht, Punkrock die analogen Instrumente zu verweigern und stattdessen Synthesizer, Sampler und Software-Module anzustöpseln. Selbst das liebreizende Stimmlein der frischen Front-Französin mit dem vielsagenden Namen Caroline Martial wird nicht geschont und erbarmungslos durch den Verzerrer gedreht. Auf Albumlänge kann’s anstrengend werden; für die schnelle Nummer zum Wachwerden ist das Duo aus Bordeaux perfekt.

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Lieblinge

Lieblinge: Mai 2010

lieblinge1005

Noch zwei Wochen bis zur Weltmeisterschaft, da müssen wir Hypehunters natürlich irgendwas zu machen. Sonst stehen wir marketingtechnisch saudeppert da. Schließlich heißen in diesen wilden Wochen sogar die Kartoffelplättchen beim Discounter nicht mehr Chips sondern »Tor-Snack«. Und der Antipasti-Mix erstrahlt in wenig Magen schonendem Schwarz-Rot-Geil. Also, auf geht’s: Hier kommen unsere musikalischen Nominierungen für den Monat Mai, die fantastische Fünf steht, der Kader ist voll. Einige müssen zu Hause auf dem Turntable bleiben und sind traurig, andere haben sich kurz vor der Veröffentlichung noch ein paar Beats gebrochen oder das Tonband angerissen. So ist das eben im Fußball-Geschäft!

Lieblinge des Monats Mai:

1. Two Door Cinema Club Something Good Can Work (The Twelves Remix)
2. Tom Piper & Alex Schmitz Fresh Crack (Shopliftas Remix)
3. Yeah Yeah Yeahs Dull Life (Professor Purple Remix)
4. Crookers Feat. Soulwax & Mixhell We Love Animals (Tom Staar Remix)
5. Housse De Racket Oh Yeah! (Nighty Max Remix)